10 Mai

Warten als Selbstzweck

Eigentlich wollte ich nur Geflüchteten dabei helfen, Deutsch zu lernen. Der Zufall hat mich in ein Hostel geführt, in dem Minderjährige, die ohne ihre Familien nach Deutschland gekommen sind, warten. Worauf, wussten sie oft selbst nicht so genau, denn das Behördensystem ist wie ein eigenes Ökosystem – mit nicht vollständig erforschten Gesetzmäßigkeiten, Chancen und Gefahren. Während des Deutschunterrichts lernte ich nicht nur die Jugendlichen kennen, sondern erhaschte auch immer mehr Blicke in dieses eigenwillige Ökosystem Asyl. Ich erfuhr, dass Jugendliche unter 18 Jahren für sich selbst keinen Asylantrag stellen können. Sie brauchen einen Vormund, eine Art rechtsfähiger Beistand, der für sie handelt.

In der Vergangenheit hat das Jugendamt solche Vormundschaften übernommen. Einige der Jugendlichen aus meinem Deutschkurs warteten schon ein halbes Jahr, als ich Anfang des Jahres ehrenamtlich die Vormundschaft für einen der Jugendlichen beantragt habe.

Die Nacht wird zum Tag – ganz ohne Party

Diesen Text schreibe ich montags um 7:30 Uhr morgens. Ich bin schon seit 5 Uhr wach. Vor einer Stunde – also eine halbe Stunde vor der offiziellen Öffnungszeit – war ich zu spät, um noch eine Wartenummer für den gleichen Tag in der Ausländerbehörde zu bekommen. Das Problem: Wer einen Asylantrag gestellt hat, muss, um die Aufenthaltsgestattung beantragen zu können, bei der zugewiesenen Ausländerbehörde vorsprechen. Innerhalb von drei Tagen nach entsprechendem Schreiben, wenn man dem Brief des BAMFs glauben darf. Den hatte ich Donnerstag Abend im Briefkasten gefunden. Warum wir am Freitag nicht dort waren? Da hat die Ausländerbehörde nicht geöffnet.

Kommen Sie morgen um 5:00 Uhr wieder

Ich stehe also morgens um halb sieben in einem provisorischen Container vor der Ausländerbehörde, um mich gestresste Menschen, viele Sprachen, Kinderwägen, Sicherheitspersonal. Der Tipp der Frau, die die Wartenummern verteilt: Wir sollen doch bitte morgen wieder kommen – um 5:00 Uhr. Mein minderjähriger Mündel hat Routine im Umgang mit so einer Situation: Er beschließt, in der nächsten Nacht vor der Behörde zu campen, wovon ich ihn glücklicherweise abbringen kann. Keine Routine hat er mit der Enttäuschung und der Sorge, die sich ihm nach jedem Fehlschlag aufdrängt, und die sich wie ein Handabdruck in seinem Gesicht abzeichnet.

Giftiger Cocktail aus Ablehnung, Chaos und Angst

Beim Warten ist nicht die Langweile das Problem. Es ist die Unsicherheit, was der nächste Tag bringt und insbesondere die Frage, ob er überhaupt etwas bringt – außer weiterer Wartezeit. Ablehnung, undurchsichtige Wegen durch die Instanzen und existentielle Angst um sich und die oft im Herkunftsland zurückgebliebene Familie bildet einen giftigen Cocktail, der an die Nerven geht. Ich kann den Cocktail eigentlich nicht empfehlen, aber ich musste erst selbst einen tiefen Schluck nehmen, um tatsächlich einen Eindruck zu bekommen. Die entstehende Wut hat bei mir letztlich den Aktionismus ausgelöst, der über Anrufe zu einem Termin in der Ausländerbehörde geführt hat, einem echten Termin, der seinen Namen verdient. Ich werde das Gefühl nicht los, dass der Schlüssel dazu war, dass meine Muttersprache Deutsch ist.

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