13 Mai

You don´t live here anymore

Werden Flüchtlinge in Berlin volljährig, ändert sich für sie nicht nur aus asylrechtlicher Sicht einiges. Das Jugendamt entlässt sie aus der Inobhutnahme und theoretisch haben sie nach einem Aufenthalt von sechs Monaten Anspruch auf einen Platz in einer Gemeinschaftsunterkunft oder gar einer Wohnung, für deren Kosten das Lageso aufkommt. Es landen jedoch nicht nur die jungen Volljährigen in Notaufnahmelagern, die nicht wissen, dass die EAC-Bescheinigung rechtlich gesehen ihr Ticket in eine bessere Unterkunft ist. Vielen müssen auch deshalb in die sogenannten „Camps“, da noch fast ein Jahr nachdem die Ankunft von Geflüchteten in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt ist, keine funktionierenden Vermittlungsstrukturen für Wohnungen geschaffen wurden.

Die Post vom BAMF gilt als zugestellt

Die Unterkünfte, in denen die jungen Volljährigen landen, sind ihr offizieller Aufenthaltsort. Das heißt, dass jegliche Post, die das Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge (BAMF) schickt, dorthin gesendet wird. Im Auskunftsschreiben zum Asylantrag wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass private Post innerhalb der Notaufnahmelager drei Tage aufbewahrt wird. Holt sie der Empfänger nicht ab, wird sie zurück an das BAMF geschickt. Dort wird nicht etwa ein neuer Wohnort ermittelt. Die Post gilt als zugestellt. Enthält sie etwa die Einladung zur Anhörung für den Asylantrag, erfährt der Asylbewerber davon nicht mehr, und sein Antrag hat gute Chancen, abgelehnt zu werden.

 

Zum Duschen ins Schwimmbad

Nun lohnt es sich, die Notaufnahmelager etwas näher zu betrachten: In riesigen Räumen steht Bett an Bett. Menschen, die nichts miteinander gemein haben als eine Fluchtgeschichte, müssen monatelang ohne Privatsphäre auf engstem Raum zusammenleben. Zuletzt gab es Berichte, dass Geflüchtete, die in den Hangars des Tempelhofer Flughafens untergebracht sind, zum Duschen mit Bussen ins Schwimmbad gefahren werden.

 

Fehlendes Verständnis bei jungen Volljährigen

Nicht alle jungen Volljährigen halten diese Situation aus. Viele versuchen, anderweitig unterzukommen. Sie verstehen oft die Dimension ihres Fernbleibens nicht, weder in Bezug auf ihre Post, noch in Bezug auf die Dauer des Wohnverhältnisses. Denn die Notaufnahmelager quartieren Personen aus, die über mehrere Tage nicht in der Unterkunft eingecheckt waren. Die ehemaligen Bewohner müssen dann zum Lageso und um eine neue Unterkunft bitten. Dieses Auschecken wird, unabhängig von Alter, auch am Freitagabend durchgezogen. Dem Jugendlichen, den ich an besagtem Tag zum „Camp“ begleitet habe, wurde von einer hörbar sprachlich und situativ überforderten Dame beschieden „You don´t live here anymore.“ Den Satz wiederholte sie auf seine Nachfrage hin, ob denn Post für ihn gekommen wäre, noch einmal. Ihr Tonfall war hörbar darauf angelegt, keine Rückfragen beantworten zu müssen, und tat bei dem Jugendlichen sichtlich seine Wirkung. Auf mein Angebot hin, dass sie gern mit mir Deutsch sprechen könne und ich später in Ruhe alles für den ehemaligen Bewohner übersetzen würde, wurde sie deutlich zugänglicher. Sie erklärte mir die Situation und bot an, dass er am Montag wieder kommen könne, um zumindest nach seiner Post fragen zu dürfen. Wo der Jugendliche an besagtem Abend schlafen würde, wurde nicht angesprochen.

 

Verwaltungskrise mit Tradition

Die Wohnsituation der jungen Volljährigen spiegelt die bereits seit langer Zeit bestehende Berliner Verwaltungskrise wieder. Sie ist nicht durch die Geflüchteten ausgelöst worden, vielmehr wird sie nun nur überdeutlich sichtbar. Die langen Schlangen vor den vereinzelt Wohnungen an Geflüchtete zuteilenden Stellen bilden eine Art Klammer um den kriselnden Berliner Wohnungsmarkt und eine kaputt gesparte Verwaltung mit stark bürokratischen Zügen. Eine Hand weiß nicht, was die andere tut. Formular A braucht die rote Bescheinigung, die wiederum das gelbe Formblatt 23 F benötigt. Wer sich einen Eindruck von der Lage verschaffen will, kann in der Turmstr. 21 das Haus K besuchen und versuchen, eine Wohnung für Geflüchtete anzubieten. Die rechte Schlange ist die richtige.

 

Die Berliner könnten überlegen, ob sie das durch die Situation überdeutlich gezeichnete Bild dieser Verwaltungskrise zum Anlass nehmen und eine Reform einleiten – auch im eigenen Interesse.

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