01 Jun

In Augenschein genommen

Die Redaktion erreichen immer mehr Berichte von Ehrenamtlichen, die die traurigen Erlebnisse, die sie mit den von ihnen begleiteten Minderjährigen machen mussten, öffentlich machen wollen. Um die Privatsphäre der Kinder und Jugendlichen zu schützen, geben wir ihnen und ihren unterstützenden Ehrenamtlichen neue Namen* und verändern auch die Städte**, in die die Kinder und Jugendlichen umverteilt werden.

Autor: Henrike Dujardin*

Die fünf unbegleiteten jugendlichen Flüchtlinge, die im Wartebereich der Clearingstelle in der Wupperstraße sitzen, sehen hilflos aus. Sie strahlen die seltsame Mischung aus übermäßigem Ernst und jugendlicher Unbeholfenheit aus, die so viele der jungen Flüchtlinge kennzeichnet. Sie kommen aus verschiedenen Regionen der Welt. Der Junge aus Asien misst vielleicht 1,50 m, er ist schmal und trägt kindliche Gesichtszüge. Die beiden Jungen aus Afghanistan sind etwas größer, ihr Blick ist ernst. Die beiden afrikanischen Jugendlichen – sie kennen einander nicht – sind groß und schlank, auch sie wirken ernst.

Die Jugendlichen haben einen langen Weg hinter sich und Schreckliches erlebt, sind durch Krieg und Gewalt im Heimatland und / oder den Verlust ihrer Angehörigen oft traumatisiert. Wie viel Kraft muss es sie gekostet haben, sich allein nach Deutschland durchzuschlagen? Ich kann es nur erahnen.

In Deutschland werden sie in Obhut genommen und untergebracht, meist in Unterkünften gemeinsam mit vielen anderen jugendlichen Flüchtlingen „geparkt“, in den vergangenen Monaten oft ohne Bildungsangebote oder Sozialarbeit. Monate des Wartens vergehen, bis es für sie endlich weitergeht. Wertvolle Lebenszeit, die verstreicht.

Wer bestimmt eigentlich, wie alt ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling ist?

Im Warteraum steht ein Fernsehbildschirm, schrille Trickfilmserien berieseln die Jugendlichen im Dauerlauf. Es nervt. Je mehr Wartezeit vergeht, desto unruhiger werden die Jugendlichen.

Der Jugendliche aus Asien hat nun seine Anhörung hinter sich. Er wirkt erschöpft und verlässt ohne Worte das Gebäude.

Nun ist der erste afrikanische Junge an der Reihe. Seine Anhörung dauert lange.

Ich komme mit den beiden afghanischen Jungen ins Gespräch. Es stellt sich heraus, dass der eine von beiden bereits vor einigen Tagen als volljährig eingestuft wurde. Nun begleitet er seinen Freund, dem die Altersfeststellung noch bevorsteht. Im Gespräch tauen die beiden auf, sie erzählen, es sprudelt nur so aus ihnen heraus. Zusammen mit ihnen und dem anderen afrikanischen Jungen improvisiere ich ein wenig Deutschunterricht, sie sind begeistert bei der Sache. Ihre Augen leuchten und für einen Moment vergessen sie den Ernst der Situation.

Der afrikanische Junge kommt aus dem Anhörungsraum. Er weint.

Der zweite afrikanische Jugendliche wird aufgerufen. Ich gehe als Beistand mit ihm hinein. Neben dem Dolmetscher nehmen eine Mitarbeiterin des Landesjugendamtes und ein junger Mann an der Befragung teil, von einer unabhängigen Organisation. Um welche Organisation es sich handelt, erfahren wir nicht. Während des Interviews wird der Junge immer wieder durch die Mitarbeiterin des Jugendamtes gemustert. Den Scannerblick empfinde ich als aufdringlich. Ich werde ebenfalls gemustert und spüre deutlich, dass meine Anwesenheit die Befrager stört.

Der Jugendliche soll am nächsten Tag zu einer zweiten Befragung wiederkommen.

Es erwarten uns der Dolmetscher und zwei andere Befrager, diesmal zwei Damen.

Das zweite Interview ist kürzer. Das „Urteil“ der Befrager ist schnell gefällt und ich habe den Eindruck, dass es bereits im Vorfeld fest stand. Der Jugendliche erhält ein neues, fiktives Geburtsdatum und hat ab jetzt erwachsen zu sein.

Eine Begründung wird auf unsere Nachfrage hin nicht abgegeben. Erst später erfahren wir in einem Schreiben des Berliner Verwaltungsgerichtes, welche Kriterien im konkreten Fall eine Rolle gespielt haben.

Wie qualifiziert ist die Inaugenscheinnahme?

Dem Jugendlichen wurde zum Verhängnis, dass er eine brüchige, nicht sehr tiefe, aber ausgereifte Stimme hatte und sichtbare Stirnfalten, eingeprägte Halsfalten, einen prominenten Kehlkopf, sichtbare Zeichen von Bartwuchs und andere Merkmale aufwies, die nach Meinung der Befrager seine Volljährigkeit untermauern. Aber sind dies nicht völlig normale Anzeichen körperlicher Entwicklung, die sich oft schon bei 15-Jährigen beobachten lassen?

Auch wurde dem Jugendlichen zum Nachteil ausgelegt, dass er im Gespräch angeblich konzentriert, reif und erfahren gewirkt hat. Abgesehen davon, dass ich dies so nicht bestätigen kann: Was erwarten die Befrager denn? Ein traumatisierter unbegleiteter jugendlicher Flüchtling wird angesichts der von ihm erfahrenen schrecklichen Erlebnisse wohl kaum zu Fröhlichkeit und Gesprächigkeit aufgelegt sein. Zumal die Befrager für den Jugendlichen fremde Personen sind und er nicht weiß, ob er ihnen vertrauen kann.

Das Ganze wird im Behördendeutsch „qualifizierte Inaugenscheinnahme“ genannt. Ich nehme es als subjektive, willkürliche Entscheidung wahr. Mit gravierenden Folgen: Die so eingestuften Jugendlichen verlieren mit der Beendigung der Inobhutnahme sofort jeglichen Schutz, müssen Hals über Kopf aus der Unterkunft für Minderjährige in eine Notunterkunft (meist eine große Turnhalle) ziehen, haben keinen oder nur begrenzt Zugang zu Bildung. Sie werden im Bundesgebiet verteilt, aus bereits begonnener Integration herausgerissen. Selbst wenn sie schon über ein halbes Jahr in Berlin sind, müssen sie ihr vertrautes Umfeld verlassen und bei Null anfangen, oft um eine weitere Verlusterfahrung reicher.

Und das Potenzial?

Ich habe selten so hochgradig motivierte Jugendliche erlebt wie in den letzten Monaten in meiner Arbeit als ehrenamtliche Deutschlehrerin bzw. Übersetzerin. Sie lernen schnell und konzentriert, nutzen die Wartezeit in den Unterkünften dazu, viel zu lesen und sich Wissen anzueignen.

Der sehnlichste Wunsch des von mir begleiteten Jugendlichen bestand und besteht darin, endlich eine Schule besuchen und lernen zu dürfen. Er möchte später im Rettungsdienst arbeiten, um den Menschen hier etwas dafür zurückzugeben, was Deutschland für ihn getan hat.

Diese Chance wird ihm wohl verwehrt bleiben. Alle Hoffnung ruht nun auf der ihm nach § 41 SGB VIII zustehenden erweiterten Hilfe für junge Volljährige. In Berlin wurde der Antrag dafür bereits dreimal gestellt. Das Landesjugendamt lehnte ab, es sei nicht zuständig. Ebenso das Jugendamt des Berliner Bezirks, in dem er zuletzt wohnte. Nun warten wir auf die Antwort des Jugendamtes der Stadt, in die er jetzt verteilt worden ist.

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