28 Okt

Fallbeispiel: Asylantrag für afghanischen Minderjährige stellen?

Vorbereitendes Gespräch Asylberatung – junge Afghanen / 1. Beratungsgepräch beim BBZ

Mein zukünftiges Mündel ist aus Afghanistan, er gehört der Volksgruppe der Tadschiken an, wird im April volljährig und will vorher seinen Asylantrag stellen. Wir waren deswegen Mitte Oktober zu einer ersten Beratung beim BBZ (Beratungs- und Betreuungszentrum für junge Flüchtlinge) in der Turmstraße 72. Generell sollten Vormünder und Bevollmächtigte mit den Jugendlichen zumindest einmal vor Antragsstellung in eine solche rechtliche Beratung gehen. Denn für jedes Herkunftsland und für jede persönliche Fluchtgeschichte können andere Empfehlungen gelten. Damit jedoch der ungefähre Ablauf der Antragsstellung und der dazugehörigen Vorbereitung deutlich wird, möchte ich hier schreiben, wie es bei meinem afghanischen Mündel und mir beim ersten Beratungstermin abgelaufen ist.

Im Fall meines Mündels bin ich milde zuversichtlich, dass sein Asylantrag Aussichten auf Anerkennung des Flüchtlingsstatus haben könnte, da es tatsächlich politische Aktivitäten und Verfolgungen in seiner Familie gab – bei afghanischen Jugendlichen muss jedoch immer sehr individuell geschaut werden.

1) Niederschrift der individuellen Fluchtgründe – was der Jugendliche selbst tun muss:

Die Kernaussage in der Beratung war: der Asylantrag muss sehr gründlich vorbereitet werden und die individuelle Niederschrift aller relevanten Ereignisse und Zusammenhänge ist hierzu der erste Schritt. Es wurde kurz mit wenigen Fragen zu seinem Hintergrund und den politischen Verwicklungen seiner Familie und den daraus resultierenden Repressalien abgeklärt, dass in seinem Fall ein Asylantrag sinnvoll erscheint.

Mein Mündel bekam dann einen Fragenkatalog in seiner Sprache mit. Auf einen schnellen Blick scheinen es die Fragen zu sein, die auch in der Vorbereitung auf die Anhörung verwendet werden, allerdings wird nur der Zeitraum bis zur Flucht betrachtet.

Er soll nun anhand dieser Fragen alles ganz genau und sehr detailliert aufschreiben, was zu seinem Entschluss zu fliehen geführt hat. Dazu bekam er mündlich folgende Hinweise:

  • Was waren deine Gründe zu fliehen?
  • Was ist dir passiert? Wie war das ganz genau?
  • Was ist deiner Familie passiert? Warst du dabei? Hast du etwas gesehen? Hast du Bilder?
  • Wann war was? Versuche, die Zeit einzugrenzen, orientiere dich an Feiertagen, Jahreszeiten, o.ä. Lege dich nicht fest, erfinde kein Datum, wenn du es nicht sicher weißt.
  • Vor wem hattest du Angst? Wer ist das? Warum sind diese Leute so mächtig, so gefährlich?
  • Wie sind die Strukturen?
  • Warum/ wovor hast du Angst, wenn du zurückgehen müsstest?
  • Was wird dann mit dir passieren?
  • Beschreibe immer alle Details, vor allem das „wie“, ganz konkret, z.B.

nicht „wir wurden geschlagen“, sondern „ich wurde in einem … Raum (beschreiben wo, wie sah der aus, wie kamst du dorthin?) von … Männern (beschreiben, wieviele, woher, Sprache, Aussehen? kannte ich sie?) festgehalten (wer, wie genau?), mit einem … (womit genau?) auf … (wohin genau? wie oft?) geschlagen und dann …. Mein Bruder wurde …“

Diesen Bericht soll er nur für sich selbst schreiben. Er selbst entscheidet zu jeder Zeit, was er davon wem gegenüber preisgibt. Es besteht keine Verpflichtung, den Inhalt dieses Berichts irgend jemandem mitzuteilen, weder privat noch gegenüber Ämtern.

2) Ordnen, Strukturieren, mit Fakten unterlegen – hier können wir als Vormünder/ Bevollmächtigte unterstützen

Er sollte seinen Bericht dann zeitlich und inhaltlich ordnen, alles in eine Reihenfolge bringen. Dabei kann er sich helfen lassen, wenn er eine*n Vertraute*n hat.

Einzelheiten seines Berichts können sicherlich mit Fakten untermauert werden, z.B. durch Zeitungsartikel, Berichte, Reportagen etc. von glaubwürdigen Quellen und Organisationen. Aber auch private Videos, Fotos, mitgebrachte Dinge – alles, was belegt und illustriert, was ihm oder seiner Familie widerfahren ist und das persönlich Erlebte in den offiziellen politisch-historischen Kontext setzt. Er soll auch seine Familienangehörigen, Freunde, Menschen, die jeweils dabei waren, fragen, ob sie ihm Bilder, Videos oder anderes zuspielen können. „Wir müssen immer etwas in der Tasche haben, also gute Argumente, Belege, Beweise.“

3) Individuelle Asylberatung

Mit dem persönlichen Bericht und diesen unterstützenden Quellen und Nachweisen geht der Jugendliche dann zu seiner eigentlichen individuellen Beratung, in der alles, was er preisgeben will, ausgewertet wird.

Es gibt anerkannte Fluchtgründe und andere, die sicherlich persönlich relevant waren, aber die man im Asylverfahren vielleicht lieber im Hintergrund lassen sollte. Es wird also genau besprochen, welche anerkannten Fluchtgründe in diesem konkreten Fall existieren und in den Gesprächen und auch in der Anhörung später genannt werden können bzw. sogar müssen.

Ich habe als zukünftige Vormündin dazu einen Artikel «Afghanistan – Gründe der Flucht und Sorgen jugendlicher Rückkehrer» aus dem Asylmagazin 1-2/2016  bekommen, der bislang leider nur auf Deutsch vorliegt.

Hilfreich: Möglichst lückenlosen Bildungsweg einschlagen

Für afghanische Asylsuchende, aber sicherlich auch für alle anderen, ist es wichtig, dass hier in Deutschland möglichst keine Lücken im Bildungsweg entstehen – erst Schule, dann Ausbildung, alles mit guten Leistungen und Zeugnissen, alles ohne unentschuldigte Fehlzeiten. Optimal sei eine begonnene Ausbildung vor der eigentlichen Asyl-Anhörung, da das voraussichtlich positiv gewertet würde, so die Aussage, die wir vom BBZ mit auf den Weg bekamen.

Mein Mündel und ich werden diese nächsten Schritte jetzt gemeinsam abarbeiten. Wenn wir sie hinter uns haben, berichte ich gerne wieder.

Autorin: Beate Müller

2 Gedanken zu „Fallbeispiel: Asylantrag für afghanischen Minderjährige stellen?

  1. Vielen Dank für die sehr guten Informationen insb. für den Artikel zur Situation in Afghanistan.

    Mein Mündel ist afghanischer Staatsangehöriger, geboren im Iran. Gibt es zu dieser Konstellation Informationen,zur Situation der afghan. Flüchtlinge im Iran.

  2. Hallo Antje, sorry für die späte Antwort, wir hatten so viele Spam-Kommentare, da bist du untergegangen. Komm mal zu einer unserer Vorbereitungen für Anhörungen von Afghanen (unter Termine), da gehen wir auch auf die Problematik Afghanen aus dem Iran ein.

    Liebe Grüße
    Andrea

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