10 Nov

Alltagsrassismus in Berlin: Manchmal ist es gut, noch nicht jedes Wort zu verstehen

Die Redaktion erreichen immer wieder Berichte von Ehrenamtlichen, die traurige Erlebnisse, die sie mit den von ihnen begleiteten Jugendlichen machen mussten, öffentlich machen wollen. Um die Privatsphäre der Betroffenen zu schützen, veröffentlichen wir die Berichte anonymisiert.

Mein Mündel kommt aus Westafrika. In seinem Alltag in Deutschland erlebt er eine Feindseligkeit, die nicht unbedingt größer ist als die gegenüber geflüchteten Jugendlichen aus anderen Regionen, aber vielleicht doch anders. Was er und nun wir hier in Deutschland aufgrund seiner Hautfarbe erleben, finde ich so schockierend, dass ich es mit einigen Beispielen erzählen möchte.

Bevor er nach Berlin kam, war er in einem Jugendheim in einem ostdeutschem Dorf untergebracht. Dort wurden die afrikanischen Jugendlichen von den BetreuerInnen isoliert. Sie hatten einen anderen Kühlschrank als die anderen Jungs und mussten allein an einem Tisch essen. Vornamen gab es für sie nicht; die BetreuerInnen nannten sie „Afrikaner,“ egal ob sie über oder mit einem der Jungs sprachen. Die BetreuerInnen sagten auch, dass Afrikaner Krankheiten haben und beschuldigten sie, Geburtsdaten aus Afrika seien sowieso alle falsch und die Jungs eigentlich alle älter. Weil es in der Einrichtung keinerlei Beschäftigung für die Jugendlichen gab, ging mein Mündel manchmal im Dorf und in der Umgebung spazieren. Dort fragten ihn immer wieder Menschen, woher er komme. Nach wiederholten Beleidigungen, als er sein westafrikanisches Heimatland nannte, sagte er irgendwann einfach nur noch „Frankreich,“ wann immer jemand fragte, woher er kommt. Schließlich spricht er französisch. Einmal bekam er darauf die Antwort: „Das ist wenigstens Europa.“

Auf Nachfrage: Kein Probleme bekannt – natürlich
Mein Mündel kann mittlerweile fließend und gefasst über seine wirklich grauenvolle Fluchtgeschichte sprechen; wenn er von seiner Zeit in dieser Einrichtung und diesem Dorf erzählt, weint er jedoch.

Als er diese Erlebnisse später dem Jugendamt einer anderen Stadt schilderte, riefen dessen Mitarbeiter im ostdeutschen Dorf an und erkundigten sich nach den Vorwürfen. In dem Bericht der Inobhutnahme steht dazu „Angeblich litt er unter dem Alltagsrassismus dort … Eine Nachfrage bei der Einrichtungsleitung ergab jedoch, dass dort nichts dergleichen bekannt ist.“ Na dann. Außerdem: „In der Einrichtung lebten fünf weitere schwarzafrikanische Jugendliche.“ Soll heißen: Dann kann es dort für „schwarzafrikanische Jugendliche“ ja nicht so schlimm gewesen sein.

Berlin – nicht so kosmopolitisch wie gedacht
Nun lebt er in Berlin. Zum Glück—in vielerlei Hinsicht. Er ist gut untergebracht und kann seinen Tag sinnvoller verbringen, als allein eine Dorfstraße auf und ab zu laufen. Angefeindet wird er hier jedoch auch, im angeblich so bunten, kosmopolitischen Berlin. Und zwar nicht nachts um vier von Besoffenen am Stadtrand, sondern, wie neulich, an einem Sonntagnachmittag auf dem Alex. Wir schlenderten gerade gut gelaunt unter der Herbstsonne am Fernsehturm vorbei, als ein Mann mittleren Alters auf einem Fahrrad mir aus zwanzig Metern Entfernung für alle gut hörbar zurief „Iiii, die Schlampe fickt mit einem Neger!“ Vom Lachen dreier Jugendlicher bestärkt, brüllte der Mann noch „Pfui Teufel“ als er an uns vorbeifuhr.

Ich weiß in solchen Situationen nicht, was ich machen soll, weil ich auf der einen Seite reagieren will, auf der anderen Seite mein Mündel, dessen deutsch noch nicht ausreicht um solche Beleidigungen zu verstehen, auch nicht beschämen will. Ich möchte, dass er sich hier willkommen und zuhause fühlt und deshalb habe ich den dummen Radler lieber ignoriert, als meinem Mündel zu erklären, was manchen Berlinern offenbar durch den Kopf geht, wenn er und ich gemeinsam spazieren gehen. Aber ich will auch, dass er hier sicher ist. Und es macht mich traurig, dass ich mich in meiner Heimatstadt aufgrund seiner Herkunft mehr um ihn sorge, als meine Eltern sich um mich gesorgt haben, als ich hier aufwuchs.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.