13 Mai

Blick zurück und nach vorn: Von Brandherden, viel Engagement und Ideen für die Zukunft

Liebe Jugendliche, liebe Ehrenamtliche,

Ihr habt gemerkt, in den vergangenen Wochen und Monaten ist es ruhig geworden um und in encourage. Das hat viele unterschiedliche Gründe, das Wichtigste aber vorab: Zu Juli 2020 werden wir den Verein auflösen und damit auch offiziell beschließen, was seit einer kleinen Weile bereits praktisch gelebt wird.

encourage ist gestartet, als die Verzweiflung am größten war, nämlich 2015/2016, als viele Geflüchtete nach Berlin kamen und die damalige rot-schwarze Berliner Regierung & Senatsverwaltung unvorbereitet war und zauderte statt zu handeln. Wir sind in eine Aufgabe gesprungen, deren Zuständigkeit wir originär in der öffentlichen Hand sehen. Die Gründungsmitglieder unseres Vereins haben sich zufällig kennengelernt, als sie am Höhepunkt der Verwaltungskrise als ehrenamtliche Deutschlehrerinnen unterstützen wollten. Die Szenerie dieses Moments des Kennenlernens steht rückblickend symbolisch für vieles, was wir anschließend erlebt haben: Unvorbereitet und ohne Hilfe von öffentlicher Seite saßen wir in einer Veranstaltung, die eigentlich ein unverbindliches Kennenlernen mit einer Organisation sein sollte. Uns gegenüber saßen allerdings keine Mentor*innen, sondern rund zwanzig 12- bis 18-Jährige, genauso unvorbereitet und mit diffuser Vorstellung von dem, was kommt, wie wir. Also haben wir schlicht angefangen, zunächst mit Deutschunterricht nach bestem Wissen und Gewissen. Wir lernten uns kennen – schnell auch auf rechtlicher Ebene als Vormünder*innen und Pat*innen bzw. Mündel und Unterstützte, denn Sprache stellte sich innerhalb von Wochen als eines der überschaubarsten Probleme heraus.

Notwehr gegen öffentliches Versagen
Die Jugendlichen gingen nicht nur monatelang in keine Schule. Sie konnten keine Asylanträge stellen, da sie weder vollumfänglich von der Verwaltung registriert wurden, noch Vormünder*innen hatten, die Asylanträge für Minderjährige überhaupt erst hätten stellen dürfen. Ohne Asylantrag kein Schutz, ohne Schutz keine Familienzusammenführung, und bei allem tickt die Uhr. Zu dieser Thematik gab es zudem kaum Informationen online, und die traditionell finanziell kurz gehaltenen Beratungsvereine und die wenigen Fachanwälte kamen der Menge ihrer Aufgaben längst nicht mehr nach. Also lernten wir bei dem Versuch, den Jugendlichen ein Leben aufzubauen, Schritt für Schritt – direkt in Verwaltungen, Gerichten, unter Papierbergen und im Erfahrungsaustausch mit anderen Ehrenamtlichen. Immer kämpften wir um Existenzielles, stets schwebte das Damoklesschwert des nicht wieder gut zu machenden Fehlers über uns – Asyl- und Aufenthaltsrecht genau wie Landesjugendamt in Berlin akzeptierten damals wie heute kein „Entschuldigung, das haben wir nicht gewusst“. Immer drohte: Dublin-Abschiebung in überfüllte europäische Grenzregionen, Abschiebung ins sogenannte Herkunftsland, auf Dauer strandende Eltern und Geschwister in Kriegsregionen, Verlegung in Berliner Erwachsenencamps in Zuständen, die man nur glaubt, wenn man sie selbst gesehen hat.

Verwaltungsvorgang für die einen, Kampf und die Existenz für die Betroffenen
Wir versuchten, für so viele Minderjährige und junge Erwachsene wie möglich die Basis für eine eigene, lebenswerte Zukunft zu legen, und – worauf wir damals noch gehofft hatten – für Familienzusammenführungen. Uns gelang es, immer mehr Ehrenamtliche über unsere Initiative zu vernetzten. Diese wurden häufig zum Familienersatz und zu vertrauenswürdigen Begleitern für geflüchtete Jugendliche. Bei vielen anderen Zielen hatten wir nur in Ausnahmefällen Erfolg: In unserem Spurt gegen die verrinnende Zeit um Schutz und Familienzusammenführung haben wir den Kampf gegen blockierende Verwaltungsmühlen zu oft verloren. Viele der Entscheidungen, gegen die wir gekämpft haben und die uns damals schon falsch erschienen, haben sich später auch rechtlich als unhaltbar erwiesen: Europäische Gerichte etwa verurteilten die Praxis des BAMF, Familienzusammenführungen über die Volljährigkeit hinaus zu verschleppen. Dennoch kam für die meisten der durch uns begleiteten Jugendlichen solche Urteile schlicht zu spät. Ein anderes Beispiel ist die frappierend inhumane und wissenschaftlich unfundierte Praxis rund um Altersschätzungen, die durch unser Auflehnen dagegen politisch und öffentlich sichtbar wurde. Doch auch hier hat die entstehende Öffentlichkeit für das Problem nur noch wenigen betroffenen Jugendlichen helfen können.

Jede Menge Hilfe zur Selbsthilfe, Netzwerktreffen und private Spenden
Während diese Zeilen entstehen, kommen auch gute Erinnerungen an die Momente zurück, in denen wir den Unterschied machen konnten: Die zahlreichen Netzwerktreffen von ehrenamtlichen Vormünder*innen, in denen wir uns gegenseitig mit Tipps & Erfahrung weiter geholfen haben. Die Vorbereitung in Gruppen und Einzelgesprächen für die Anhörung beim BAMF, die den Jugendlichen Größtes abverlangt haben, und für die die Ehrenamtlichen jeder für sich zu einem Asylrechtsexperten werden mussten. Die Infoabende, in den erfahrende Vormünder*innen Anfänger*innen mit persönlichen Erfahrungen im Umgang mit traumatisierten Jugendlichen schulten, aber eben auch zu Vormundschaftsrecht genau wie zu Jugendhilfe und Vorschriften des SGB-Gesetzbuches. Der unfassbare Moment, wenn Eltern und Geschwister am Flughafen ankamen, teilweise nach Jahren der Trennung, Tage vor dem 18. Geburtstag, nachdem eine solche Zusammenführung nicht mehr möglich gewesen wäre. Der Moment, wenn die Aufenthaltserlaubnis ausgestellt wird und tatsächlich ein Leben beginnen kann.

Wir haben zudem immer wieder unfassbar viel Unterstützung auf individueller Basis bekommen, von einzelnen Abgeordneten, anderen Beratungsstellen wie Berlin hilft oder dem BBZ, über begleitende Presse und unzählige Vereine und Engagierte, die uns Räume zur Verfügung gestellt haben, um unsere zahlreichen Veranstaltungen überhaupt durchführen zu können. Wir bedanken uns aus vollem Herzen.

encourage e.V. @ Offenes Neukölln | Bilder-Copyright: Ahmad al Homsi

Keine Verstetigung der politischen Arbeit ohne öffentliche Förderung möglich
Woran es jedoch immer gefehlt hat, war Geld. Obwohl wir von privaten Spender*innen immer wieder großzügig unterstützt wurden, ist es uns nie gelungen, eine kontinuierliche  Finanzierung über öffentliche Töpfe zu generieren. Das lag auch an uns, denn wir haben unsere ehrenamtlich verfügbare Zeit und entsprechend unsere Prioritäten auf die Jugendlichen gesetzt. Diese Entscheidung kam selbstredend kaum mit Wahlfreiheit. Angesichts des existenziellen Drucks, der im Leben der Jugendlichen über deren Hintergrundgeschichte und die bürokratische Mühlen entsteht, zwischen den sie zerrieben werden, blieb kaum Zeit für endlose Recherchen für Antragsstellung um die hart umkämpften, wenigen Finanzierungstöpfe. Im Grunde haben wir also viele Feuer ausgetreten, ohne jemals den Brandherd zu erreichen.

 

Löschen des Brandherds ist ehrenamtlich nicht möglich
Nach rund vier Jahren zwischen Job und Ehrenamt geht den meisten von uns in dem Sprint, der zum Marathon wurde, die Luft aus: Wir konzentrieren uns nun wieder auf unsere eigenen Leben. Zu diesen privaten Leben gehören inzwischen selbstverständlich auch die Jugendlichen, für die wir individuell Verantwortung übernommen haben. Die sind nun älter und selbständiger, sprechen Deutsch und haben die ersten Hürden Bürokratie bewältigt und Schulabschlüsse oder Ausbildungen geschafft. Auch wenn nach wie vor immer wieder mal eine neue Herausforderung ansteht: Die Jugendlichen brauchen ihre ehemaligen ehrenamtlichen Vormünder*innen nicht mehr so oft wie zu Anfang, und das ist auch gut so. Denn wollten wir den Einsatz der vergangenen Jahre ehrenamtlich aufrecht erhalten, müssten wir uns selbst zu großen Teilen aufgeben, und das kann auch nicht die Lösung sein.

Wenn wir wirklich etwas ändern wollen
Sollten Veränderungswillige aus Politik und Verwaltung über diesen Text stolpern und sich fragen, was denn angepasst werden müsste, um mehr Jugendlichen zu helfen und Ehrenamtliche besser zu unterstützen, bitte:

  • Es braucht dauerhafte, unabhängige Finanzierungen für politisch arbeitende Beratungsvereine. Es ist lächerlich einfach, eine Förderung für einen Sommerkurs mit Malen und Basteln zu bekommen. Das ist gut und richtig, steht aber in starkem Kontrast zur fehlenden Finanzierung von Maßnahmen, die die Basis für ein Leben legen, in dem ein Malkurs ein sinnvoller nächster Schritt ist. Vereine, die politisch und kritisch beratend arbeiten, beantragen ihre Gelder bei just den Verwaltungen, zu denen sie kritischen Abstand halten müssten. Dieser Umstand macht Vereine, die ehrenamtliche Vormundschaften unterstützen, genau wie die Erstaufnahmestelle, die das Alter der Jugendlichen und damit ihren weiteren Werdegang bestimmt, abhängig. Diese absurde Situation schwächt unsere gesellschaftliche Vereinbarung, wie Rechte von Minderjährigen in Berlin geschützt werden.
  • Es braucht eine Kontrollinstanz mit Handlungsvollmacht, die die Praktiken der Verwaltungen wirksam und schnell verändern kann und will. Altersschätzungen, wie sie derzeit praktiziert werden, sind unfassbar inakzeptabel. Das Gleiche gilt für die Taktiken aus dem BAMF, die viele Jugendliche dauerhaft von ihren Familien in den Kriegsgebieten trennten oder auf Basis von fragwürdigen Lageberichten Schutz gleich ganz versagen. Auch der Umgang mit Geflüchteten jeden Alters in der Ausländerbehörde, die dort ohne deutsche Begleitung vorsprechen, lässt sich nur mit einem Wort beschreiben: unwürdig.
  • Es braucht insgesamt eine stärkere Kontrolle der verwaltenden Instanzen BAMF, Ausländerbehörde, Senatsverwaltung und Bezirksjugendämter durch die Öffentlichkeit. Die Ehrenamtlichen aus unserem Netzwerk sind in den vergangenen Jahren mit Verwaltungen in Kontakt gekommen, die sie abseits ihres Engagements nie kennen gelernt hätten. Dieser Kontakt hat überaus problematische Praktiken offen gelegt und Veränderungsdruck erzeugt. Es wurden Verbesserungen angestoßen, die mit der sinkenden Anzahl an ehrenamtlichen Begleitern nun langsam wieder verloren gehen. Ehrenamtliche Einzelvormundschaften geben den Jugendlichen privat Halt und Perspektive, gleichzeitig sorgen sie für den Schutz der Jugendlichen vor den Verwaltungsmühlen. Beides rechtfertigt deutlich mehr Öffentlichkeit und Förderung für Unterstützer dieses wichtigen Ehrenamts, als bisher verfügbar.

 

Blick zurück und nach vorn
Wir blicken zurück auf intensive, fordernde und völlig unerwartete vier Jahre, in die wir mehrheitlich mehr oder weniger zufällig hineingeschlittert sind. Wir bedanken uns bei allen, die mit uns gemeinsam über sich hinausgewachsen sind. Wir verabschieden uns zurück ins Private und hoffen, den ein oder anderen einmal wieder zu treffen.

 

Die Vertreter von encourage e.V., derzeit Andrea, Kaj, Katja, Flo